Möchte mich ganz herzlich für die zahlreichen Mails nach dem Spiegel-Artikel bedanken, ebenso wie die zahlreichen Ermunterungen. Was mich aber erfahrungsgemäß fast noch mehr freut, sind kritische Töne, insbesondere wenn sie vor einem vergleichbaren Lebenshintergrund ausgesprochen werden. So schreibt ein von mir hoch geschätzer Expat-Zeitgenosse aus Bangalore, der namentlich nicht genannt werden möchte, zu meiner Deutschland-Kritik:
“Selbstverstaendlich bist Du, mit Deiner in Deutschland genossenen Bildung, hier erfolgreicher als der lokal ausgebildete Inder, der erst vor kurzem von Hosur nach Bangalore kam. Aber bitte leugne nicht die Errungenschaften der westlichen Welt (nicht die Homo-Ehe) fuer Deinen (kurzfristigen) beruflichen Erfolg. Das scheint mir naemlich bei vielen westlichen Unternehme(r)n der Fall, die behaupten, Indien sei so toll.
Beispielsweise predigten Unternehmen aus Industrienationen bisher, dass bspw. elektrische Fensterheber, Klimaanlage, ABS, Airbags, Navigationshilfe, Multifunktionslenkrad, Memorysitze, von innen verstellbare Leuchtweitenregulierung!!! etc. pp. in jedes Auto gehoerten. Jetzt ploetzlich heisst es, im “Westen” sei alles ueberzogen und Ingenieure aus Industrienationen seien nicht dazu in der Lage preiswerte, pragmatische Loesungen zu finden. Und derartige Aussagen kommen oft von denselben Unternehmen!
Verstehe mich nicht falsch: natuerlich muss man als Unternehmer oder Unternehmen diesen Markt bedienen. Aber keinesfalls unter Aufgabe des “zuhause” bereits erreichten. Das waere etwas kurzsichtig.”
Besten Dank. Der kurze Hinweis auf die „Homo-Ehe“ scheint auf meinen vorletzten Blog-Eintrag zurückzugehen, wo ich mich kritisch über diese neue rechtliche Institution geäußert habe. Ich mache in der Tat keinen Hehl daraus, dass ich die „Homo-Ehe“ als vollkommenes Überziehen des individuellen Freiheitsbegriffes nicht unbedingt als eine großartige kuturelle oder gesellschaftliche Errungenschaft ansehe.
Ansonsten möchte ich Dir wie folgt antworten: Ich verstehe relativ genau worauf Du hinaus willst: Man lobt auf Unternehmer- und Top-Management-Ebene in diesem Fall konkret Indien in den höchsten Himmel, während man Deutschland leichtfertig verfemt. Dieses gegensätzliche Spannungsfeld wäre tatsächlich falsch, falls es überhaupt in dieser Ausprägung existiert. Ich habe mir vorgenommen mal ein Buch über die Frustrationen zu schreiben, die man so in Indien erlebt. Jeder, der eine Zeit lang hier verbracht hat, weiß wovon ich spreche. Und wie ich auch unumwunden in meinem Blog-Eintrag eingeräumt habe: Aus der Distanz habe ich mein Heimatland in vielen Bereichen wieder zu schätzen gelernt. Weil das Gras eben auf der anderen Seite nicht automatisch und überall grüner ist.
Auf Deinen Hinweis mit den „gleichen Unternehmern“ möchte ich folgendes antworten: Nachdem ich mich leidenschaftlich zu einem wirtschaftlich freien System bekenne, vertraue ich darauf, dass es der Markt wird schon regeln wird. Deutsche Autokäufer sind zurecht die Anspruchsvollsten auf der Welt, in Indien beginnt aus über 1 Milliarde Menschen die so genannte „Mittelschicht“ mit 150 bis 200 Mio. Menschen erst so langsam in die Nähe zu kommen, sich ein Auto überhaupt leisten zu können. Das bedeutet, dass eine für unsere Verhältnisse abgespeckte, ja vielleicht sogar rückständige Ausstattung, für den indischen Käufer allemal „gut genug“ ist. Dazu fällt mir noch die alte Binsenweisheit ein: „Lieber schlecht gefahren als gut gegangen.“ Und falls ein deutscher Kunde irgendwann zur Auffassung kommt, dass er auch lieber so eine Austattung Llight aus Inden fahren möchte, bitte sehr, das ist Markt, das ist die Freiheit zu wählen, das ist die Freheit zu kaufen oder nicht zu kaufen. Und das ist eben auch die Freiheit das eigenes Leben zu gestalten.
Letzteres scheint mir, und ich komme auf meine Deutschlandkritik zurück, in unserem Heimatland nicht wirklich in letzter Konsequenz kulturprägend zu sein. Und so wundert es mich nicht, dass ich heute bei Spiegel-Online lese, die Deutschen zweifelten wie noch nie am Funktionieren des Systems Demokratie. Was dann aber folgt liest sich aber leider wie das bekannte alte Leiden: Nicht die Verkrustung beispielsweise eines aufgeblähten Föderalstaates oder die Reformunfähigkeit der Regierenden werden genannten, sondern es geht um das jammernd vorgetragene „Gerechtigkeitsproblem“.
Ich werde immer wieder gefragt, ob es so ein Schlüssererlebnis gab, als ich von Deutschland endgültig den Kanal vollhatte. Und das gibt es wirklich: Meine Tätigkeit bei Lycos Europe als Unterhaltungschef war wie im ganzen „Europa-Team“ mit einer Menge Reisetätigkeit verbunden. Und viele von uns nutzen die Gelegenheit, ein dienstliches Meeting z.B. in London auf einen Freitag zu legen, das Wochenende über dort zu bleiben, das Hotel freilich aus privater Tasche zu bezahlen und am Montag mit einem frühen Flug wieder pünktlich im Büro zu sein. So weit, so gut. Der Firma entstehen für den Flug die identischen Kosten. Plötzlich bekommen wir von unserer Controlling-Abteilung eine Mail, in der wir aufgefordert werden unsere Meetings nicht mehr an den Rand des Wochenendes zu legen. Unsere Wirtschaftsprüfer hatten davor gewarnt, dass das Finanzamt den „geldwerten Vorteil“ der Flugkosten auf der Einkommensteuerebene versteuern könnte, weil wegen des Wochenend-Aufenthalts unterstellt würde, die ganze Reise sei eigentlich privat veranlasst. Außerdem entstünden Lycos für die sehr aufwändige Administration dieses Verfahrens erhebliche Kosten.
Hm. Nix Vorteil: Nachteil. Das war aber auch genug. Und ich schreibe hier was ich auch sonst in meiner mir eigenen Ungeschliffenheit zu sagen pflege: Es geht diesen Scheißstaat einen Dreck an, wie ich meine Wochenenden verbringe. Dann halt nicht. Dann halt nicht mehr Deutschland. Und ich lebe momentan von so einem Mist wirklich sehr unbelastet. Das Schlimme, um auf den Ausgangspunkt der Überlegungen zurückzukommen, ist jedoch das solche Regelungen von einer Mehrheit der Bevölkerung nicht als Diktatur der Bürokraten angesehen wird, sondern vielmehr als angemessene Verwirklichung eines aus Sozialneid vollkommen deformieren Gerechtigkeitsbegriffes.
Insofern komme ich zum selben Ergebnis wie diese neueste Untersuchung: Ich habe auch den Glauben an die Demokratie in Deutschland verloren, nur komme aus einer völlig anderen Richtung. Und ich sehe den Graben als so groß an, dass ich ihn gegenwärtig für unüberwindlich halte. Ergebnis: Ich bleibe wo ich bin, lebe wirklich gut, eine Rückkehr nach Deutschland steht nicht zur Diskussion.



Hallo René, kurzer Kommentar aus Schliersee. Ich dachte, dass du aus Geldgier und Abenteuerlust nach Bangalore gegangen bist – zwei Gründe, die ich voll verstehen könnte Aber ich kann ja nicht verstehen, dass man hier die Düse macht nur weil unser Staat so ein Mist ist. Steuern, Gesetze, Beamte, eine Telekom, eine Post, Politiker, Korruption … gibt’s doch in jedem Land, oder? Da geh ich doch mal auf den Jochberg, zisch mit ein Tegernseer und eine leckere Brotzeit rein und lass mich mir den weiß-blauen Himmel auf den Bauch scheinen. Servus – hannes